Als ich heute Morgen raus ging, und über das trockene Laub zum Auto schlich, überkam mich wieder dieser Stich Melancholie, der mich schon die ganze Zeit begleitet.
Die ganze Zeit seit wann?
Das wüsste ich gern.
Ich dachte darüber nach, dass ich früher soviel glücklicher war. Im Herbst 2009, da war alles irgendwie schön.
Ein wunderschöner Herbst, klare, leuchtende Luft, strahlender Himmel und reflektierende, bunte Bäume.
Damals heirateten meine Eltern und ich habe angefangen, mich irgendwo selbst zu finden. Haare färben, neue Klamotten kaufen, jedes Wochenende mit flaschenweise Wodka das Gehirn anästhesieren - das fand ich super.
Ich fühlte mich wahnsinnig wohl.
Dann trennte ich mich von meinem Freund, und das machte mich noch glücklicher, weil ich so elendig lange unglücklich mit ihm war.
Dann hatte ich im September ein Date mit einem ehemaligen Mitschüler, der sich noch an mich erinnerte - obwohl ich mir doch soviel Mühe gegeben hatte, ja nicht aufzufallen.
Ich schrieb zur Abwechslung mal gute Klausuren in der Schule, traf mich häufiger mit meinen Freunden, erkannte die Hinterlistigkeit und Heuchlerei meiner Mitschüler - die auf meine provokanten Sprüche sehr allergisch reagierten - und fühlte mich sehr zu Hause in der Welt.
Im November, nein im Dezember wurde ich dann auf eine Party eingeladen, von einem Kerl auf meiner Klasse, auf den ich schon länger stand - was ich natürlich bewusst niemals wahrgenommen habe.
Locker flockig wie wir unter dem ganzen konsumierten Bier eben drauf waren, kamen wir in ein Gespräch, welches wir in der Schule so niemals miteinander geführt hätten. Denn ich redete nicht viel, und er... redete nicht viel mit mir; und bald merkten wir, dass wir in der Schule nicht diejenigen waren, die wir vorgaben zu sein - und da wurde das Interesse an den jeweils anderen natürlich noch intensiver.
Mein Exfreund titulierte mich als Schlampe, mein neuer Freund machte entgegen seiner Aussage mir gegenüber NICHT mit seiner Exfreundin schluss und mir war das alles reichlich egal.
Denn ich fahr unglaublich glücklich.
Mein Körper war geflutetet mit Glückshormonen und ich erlebte ein Gefühl, wie ich es noch niemals zuvor erlebt hatte - nicht zuletzt auch wegen der Relation der Hormone - quasi von null auf hundertachtzig.
Später wurde der Schnaps durch Drogen ersetzt, die Drogen ließen mich immer schlanker werden, ich wurde immer lockerer, offener, sagte meinen Mitschülern haushoch ehrlich, was ich von ihnen hielt - woraufhin Hassattacken in Weblogs und Foren über mich verfasst wurden, ja darauf bedacht, dass ICH für diese Weblogs und Foren gesperrt war, denn aufrichtiges miteinander Reden hatten einige aus dieser Genereation verlernt, oder erst gar nicht gelernt.
Und ich war so unglaublich zufrieden.
Doch wie es immer wieder kommen wird in unser aller Leben - irgendwann lässt die Flut der Glückshormone nach, und zurück bleibt und zerstörter Ort, der umgeben wird von schönen Erinnerungen, in man aber einfach nicht zurück kann.
Was macht das schon? Man kann sich ja das Diesseits schön gestalten.
So machen das die Leute schon immer, seit Ewigkeiten.
Und ich frage mich, wieso ich das nicht hinbekomme?
Was steht mir denn da im Weg, dass ich es nicht hinbekomme, das Jetzt für mich glücklich zu machen?
Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass ich nichts von Früher mitgenommen habe.
Ich bin blind, voller Dopamin, Noradrenalin und Oxytocin in ein neues Leben gerannt, ohne Gedanken daran zu verschwenden, dass dieser Hormonspiegel wieder sinken würde und eine Kraterlandschaft an Ereignissen und Gefühlen zurück lassen würde – die unwiderruflich zerstört wurde.
Ich gehe nicht mehr zur Schule, habe nicht mehr mein gewohntes Umfeld, wohne nicht mehr in meiner alten Wohnung und – ja sogar meine Katze hat sich verändert. Sie ist nicht mehr so aggressiv, und gleichzeitig so an anhänglich wie früher.
Meine Eltern haben andere Jobs, meine Brüder sind weggezogen, meine Freunde sind nicht mehr meine Mitschüler – ich habe meinen exzessiven Drogenkonsum zurück geschraubt – nichts, absolut nichts ist mehr so, wie es war, als ich glücklich war.
Und nichts davon kann ich wieder so machen, wie es war.
Und das Paradoxe daran ist vielleicht, dass ich früher alles anders haben wollte, um glücklich zu sein. Das Einzige, was mir bleibt, ist etwas zusuchen, im Jetzt, an dem ich mich fesseln kann, damit es mich glücklich macht.
Und jetzt habe ich sogar wieder mit den Drogen angefangen…