SCHROTTPLATZ
Ein neuer Schritt

Ich war viermal verliebt. Das erste Mal in meinen ersten Freund. Es war aufregend anders, was neues. Prickelnd und faszinierend. Und nur ein halbes Jahr später verliebte ich mich erneut. Ich den Bruder einer Freundin. Er war so nett, attraktiv, ich fühlte mich sehr wohl. Dieser angenehme Herzschlag, das wohlige Gefühl in den Venen. Und er mochte auch mich, doch als der Abend vorbei war, die Party zu ende, da war auch das Glück zu ende. Ich blieb bei meinem Freund. Jahrelang. Bis ich schon vergessen hatte, was Lieben überhaupt bedeutet, dann verliebte ich mich neu. Es war so überwältigend, so neu, so intensiv. Völlig anders als das, was ich kannte - ich war mir sicher, dass DAS richtiges Lieben war. Mein erster Freund, das war kein richtiges Lieben. Er war einfach nur zu dem Zeitpunkt da, aber es hätte jeder andere auch sein können. Dessen bin ich mir immer noch sicher. Er war einfach nur der nächst beste Rettungsring, nach dem ich in meiner Lebenskrise griff. Doch dann kam mein zweiter Freund, und das war Liebe. So richtige Hollywoodliebe, wie sie zu sein hat. Ich war stets der Überzeugung, man könne sich nicht verlieben, wenn man in einer intakten, glücklichen Beziehung ist. Ich weiß es besser. Ich liebe meinen Freund, ganz gewiss, ich bin glücklich mit ihm. Er ist der Richtige, für mich, für jetzt, für diese Zeit. Aber Verliebtsein, das sind Hormone. Kann man sich aussuchen, wann Hormone produziert und ausgeschüttet werden? Habe ich mich bewusst neu verliebt? Obwohl ich doch meinen Freund liebe? Als ich das erste Mal realisierte, dass ich immer an ihn denken musste, hielt ich Abstand. Ich begann regelrecht, ihn zu hassen. Außerdem ist seine Freundin blond, ich hab schwarzes Haar. Doch wie lang hält das an, wenn man zusammen studiert? Wenn der Freund ständig mit ihm abhängt? Wenn es nun mal der beste Freund des Freundes ist? Bitter bitter. Und dann, nach einem langen Arbeitstag, umarmte er mich - viel zu fest und viel zu intensiv für eine normale Umarmung unter Freunden. An einem Abend fuhr ich ihn nach Hause. Er beugte sich zu mir vor, reichte mir die Hand und drückte... viel zu lang und viel zu intensiv für einen normalen Händedruck. Und dann zuckte da die Angst durch den Kopf: "Merkt mein Freund etwas?" Wir gingen zusammen auf eine Party. Er trat vor mir, und ich lächelte, legte meine Hände auf seine Schultern und bewegte mich im Rythmus der Musik. "Das ist nicht dein Ernst", lächelte er, während seine Hände sich auf meine Hüfte legen. Wir sehen uns an. Dann wende ich den Blick ab "kommt mein Freund vielleicht gerade in diesem Moment rein? Und was wird meine Freundin denken?" Er fragt, ob ich noch Alkohol habe. Ich schaue ihn wieder an: "Rum". Dann wende ich mich ab. Und nun werde ich die Erinnerung an diesen einen Moment nicht mehr los. Wir hätten richtig tanzen sollen. Die Körper aneinander schmiegen, uns bewegen, im selben Rythmus, aneinander gepresst. Wir sind doch Freunde. Den Rest des Abend geht er mir aus den Weg. Und ich suche immer wieder seine Nähe. Und habe ein schlechtes Gewissen. Ich liebe meinen Freund. Aber ich liebe auch ihn. Nur auf eine völlig andere Art und weise. Er ist ein aufregendes Abenteuer. Mein Freund ist mein Mann, der sich um mich kümmert, sich um mich sorgt, Rücksicht nimmt, mir in meinem Leben hilft. Er... er kann sowas nicht. Und aus ihm und mir würde nie etwas werden. Nichts, was ich suchen würde. Und später noch beichtet er seinem besten Freund: "Ich steh nicht mehr auf blond."
20.5.13 19:45
 


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